Zur Debatte um das "Zentrum gegen Vertreibung"
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Als Autorin der Enkel- Generation nähere ich mich einem komplexen Thema frei von belastenden Erinnerungen, unbedarft im Sinne von unvoreingenommen. Mein Roman enthält sich jeglichen Kommentars. Er spricht nur aus einer kleinen Welt heraus und verkörpert für mich den Grabstein, den es nicht gibt, eine Geschichte, die keiner mehr erzählen kann, weil die Kette der Weitergabe von Geschichten durch die Entwurzelung und Neuverwurzelung unterbrochen wurde. Wegen dieses Hindernisses konnte ich nicht umhin, mich mit dem aktuellen Kontext auseinander zu setzen. Die letzten Menschen, die in Masuren lebten und zumeist in Westdeutschland ihre neue Heimat fanden (darunter auch einige Nachbarn aus dem Dorf meiner Vorfahren, fremde Menschen, die meine Groß- und Urgroßvater und meinen Vater als Kind noch kannten und die mir auf einmal sehr nah waren), die letzten Masuren sind hoch betagt und sterben bald aus. Mit ihnen die Sprache, Lieder, Kulturtechniken, Sichtweisen, Geschichten. Vertriebenentreffen standen immer unter Revanchismus-Verdacht. Ein Name wie Entwurzeltentreffen wäre vielleicht unpolitischer gewesen. Abgesehen von denjenigen, die wirklich revanchistische Ambitionen hatten, einigen wenigen, aber dafür lautstarken Menschen – ist es nicht möglich, dass es dem Gros darum ging, sich über einen Teil ihres Lebens auszutauschen, über eine Heimat, die man zwar bereisen, aber unter neuen Vorzeichen nicht mehr fassen konnte? Ein Phänomen, für das man im Namen der Demokratisierung keinen öffentlichen Platz fand? Kein offizielles Bewusstsein, obwohl in ungefähr jeder dritten Familie im Nachkriegsdeutschland ein Entwurzelter lebte? Der Verlust von Heimat ist mehr als Gefühlsduselei, er schlägt psycho-sozial zu Buche. Zum Beispiel mit Depressionen, Alkoholproblemen, Traumafolgen. Und andererseits sind es vielleicht die einstigen Flüchtlinge, die sich in der BRD assimilierten und deutscher wurden als deutsch. Wenn es einige von ihnen noch miterleben können, wie eine Gedenk- und Aufarbeitungsstätte entsteht, so wäre es eine späte Gerechtigkeit und ein spätes politisches Zugestehen dessen, was der Verlust der Heimat für einen Menschen persönlich bedeutet: Schmerz, Trauer, Aufbruch, totaler Neubeginn. Schade, dass man erst sechzig Jahre danach beginnt, Worte zu finden.
Unsere kollektive Erinnerung weist blinde Flecken auf und wir, die nachfolgende Generation, sollten die Chance nutzen, mit denjenigen zu reden, die so lange ihren Gefühlen keine Luft verschaffen konnten, in einem unpolitischen und doch zutiefst gesellschaftlichen Sinne. Denn unsere Gesellschaft fußt zu einem nicht unerheblichen Teil auf einer Entwurzelungsgeschichte. Wenn wir uns verorten wollen, bedarf es eines Ortes. Die Orte, an denen die Vertriebenen früher lebten, gibt es noch in geografisch gesehen, die Häuser stehen oft noch, die Straßen verlaufen noch so oder so ähnlich. Aber der Rest wurde überschrieben. Grabsteine sind verwittert oder zerstört oder es hat wegen der Kriegswirren nie einen gegeben. Um sich seiner selbst eingedenk zu werden und der Familiengeschichte, die einen geprägt hat, braucht es einen Ort. Und wenn es keinen Grabstein gibt, wie wäre es dann mit einem symbolischen Ort, einem Denkmal?
Dieser Ort sollte sich irgendwo im Herzen Europas befinden, denn Entwurzelung ist ein gesamteuropäisches Problem, das 60-80Millionen Menschen betraf. Es begann 1913 mit der türkisch-bulgarischen Sanktion, dem ersten politisch diktierten Bevölkerungsaustausch und findet eigentlich bis heute kein Ende. Es gibt eine freiwillige Entwurzelung auf der Suche nach einem besseren Leben und eine unfreiwillige im Kampf ums Überleben.
Mein Vorschlag für einen politisch korrekten Namen für den zu erschaffenden Ort: Erinnerungs- und Aufarbeitungszentrum zur europäischen Entwurzelungsgeschichte. Der Ort könnte überall sein, z.B. auf einer Neiße-Insel, aber Frau Merkel, bitte nicht wieder in Berlin, wo schon Museum an Museum steht.
Als Autorin der Enkel- Generation nähere ich mich einem komplexen Thema frei von belastenden Erinnerungen, unbedarft im Sinne von unvoreingenommen. Mein Roman enthält sich jeglichen Kommentars. Er spricht nur aus einer kleinen Welt heraus und verkörpert für mich den Grabstein, den es nicht gibt, eine Geschichte, die keiner mehr erzählen kann, weil die Kette der Weitergabe von Geschichten durch die Entwurzelung und Neuverwurzelung unterbrochen wurde. Wegen dieses Hindernisses konnte ich nicht umhin, mich mit dem aktuellen Kontext auseinander zu setzen. Die letzten Menschen, die in Masuren lebten und zumeist in Westdeutschland ihre neue Heimat fanden (darunter auch einige Nachbarn aus dem Dorf meiner Vorfahren, fremde Menschen, die meine Groß- und Urgroßvater und meinen Vater als Kind noch kannten und die mir auf einmal sehr nah waren), die letzten Masuren sind hoch betagt und sterben bald aus. Mit ihnen die Sprache, Lieder, Kulturtechniken, Sichtweisen, Geschichten. Vertriebenentreffen standen immer unter Revanchismus-Verdacht. Ein Name wie Entwurzeltentreffen wäre vielleicht unpolitischer gewesen. Abgesehen von denjenigen, die wirklich revanchistische Ambitionen hatten, einigen wenigen, aber dafür lautstarken Menschen – ist es nicht möglich, dass es dem Gros darum ging, sich über einen Teil ihres Lebens auszutauschen, über eine Heimat, die man zwar bereisen, aber unter neuen Vorzeichen nicht mehr fassen konnte? Ein Phänomen, für das man im Namen der Demokratisierung keinen öffentlichen Platz fand? Kein offizielles Bewusstsein, obwohl in ungefähr jeder dritten Familie im Nachkriegsdeutschland ein Entwurzelter lebte? Der Verlust von Heimat ist mehr als Gefühlsduselei, er schlägt psycho-sozial zu Buche. Zum Beispiel mit Depressionen, Alkoholproblemen, Traumafolgen. Und andererseits sind es vielleicht die einstigen Flüchtlinge, die sich in der BRD assimilierten und deutscher wurden als deutsch. Wenn es einige von ihnen noch miterleben können, wie eine Gedenk- und Aufarbeitungsstätte entsteht, so wäre es eine späte Gerechtigkeit und ein spätes politisches Zugestehen dessen, was der Verlust der Heimat für einen Menschen persönlich bedeutet: Schmerz, Trauer, Aufbruch, totaler Neubeginn. Schade, dass man erst sechzig Jahre danach beginnt, Worte zu finden.
Unsere kollektive Erinnerung weist blinde Flecken auf und wir, die nachfolgende Generation, sollten die Chance nutzen, mit denjenigen zu reden, die so lange ihren Gefühlen keine Luft verschaffen konnten, in einem unpolitischen und doch zutiefst gesellschaftlichen Sinne. Denn unsere Gesellschaft fußt zu einem nicht unerheblichen Teil auf einer Entwurzelungsgeschichte. Wenn wir uns verorten wollen, bedarf es eines Ortes. Die Orte, an denen die Vertriebenen früher lebten, gibt es noch in geografisch gesehen, die Häuser stehen oft noch, die Straßen verlaufen noch so oder so ähnlich. Aber der Rest wurde überschrieben. Grabsteine sind verwittert oder zerstört oder es hat wegen der Kriegswirren nie einen gegeben. Um sich seiner selbst eingedenk zu werden und der Familiengeschichte, die einen geprägt hat, braucht es einen Ort. Und wenn es keinen Grabstein gibt, wie wäre es dann mit einem symbolischen Ort, einem Denkmal?
Dieser Ort sollte sich irgendwo im Herzen Europas befinden, denn Entwurzelung ist ein gesamteuropäisches Problem, das 60-80Millionen Menschen betraf. Es begann 1913 mit der türkisch-bulgarischen Sanktion, dem ersten politisch diktierten Bevölkerungsaustausch und findet eigentlich bis heute kein Ende. Es gibt eine freiwillige Entwurzelung auf der Suche nach einem besseren Leben und eine unfreiwillige im Kampf ums Überleben.
Mein Vorschlag für einen politisch korrekten Namen für den zu erschaffenden Ort: Erinnerungs- und Aufarbeitungszentrum zur europäischen Entwurzelungsgeschichte. Der Ort könnte überall sein, z.B. auf einer Neiße-Insel, aber Frau Merkel, bitte nicht wieder in Berlin, wo schon Museum an Museum steht.
AnKaLe - 21:34
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