Warschauer Mythos [Skizzen]

Stadt der Gedenktafeln
In der Innenstadt, wo man geht und steht Denkmäler und Gedenktafeln, unter denen die Erinnerungen an den 63 Tage währenden Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung 1944 einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ein P mit zwei ankerförmigen Enden steht für powstanie (Aufstand).

Für die Veteranen und ihre Familien ist dieses Ereignis fest mit ihrem Leben verwurzelt, mindestens genauso wichtig scheint es für den polnischen Nationalmythos zu sein. Die fast übermäßige Ehrung der Teilnehmer und ein noch recht neues Museum, das dieser Tage durch den teuren Ankauf einer Briefmarkensammlung Schlagzeilen machte, sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aufstand nicht unumstritten ist.

Stadt der Musik, insbesondere Jazz und Chopin
Chopin scheint die zweite große Stütze des Nationalmythos zu sein. (Und der Papst bzw. Katholizismus die Dritte, alles eng verwoben mit der Geschichte einer Nation, die ständig um ihre Existenz zwischen zwei expansiven Systemen kämpfen musste). Anscheinend jede Musikschule ist nach Chopin benannt, auch ein Hotel und ein Flughafen. Im Sommer gibt es unter dem etwas monströs geratenen Denkmal für Chopin (den ich mir als eher zarte Erscheinung vorstelle) im Königlichen Bad Sonntags um 12 open air ein Konzert, aus offenen Fenstern weht Klaviermusik und die tragisch anmutenden Radio-Aufnahmen mit Wladyslaw Szpilman gibt es neben Business-Englisch als kostenlose CD-Beigabe von Zeitschriften.

Stadt der Stadtpaläste
Trotz der großen Zerstörung von 1944 sind neben der nachgebauten Altstadt hier und dort verstreut viele palastartige Gebäude wie hier in der Ulica Foksal zu entdecken. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie vornehm es sich im einstigen Warschau lebte. Viel von diesem vermuteten Lebensgefühl ist aber nicht übrig geblieben, denn so überraschend sich für mich die Stadt entfaltete, durch die ich schon manches mal hindurch gefahren war - eine Art Grandeur will sich ihrer nicht bemächtigen.

Am Schloss Wilanow ist alles gut verpackt um ausbleibenden winterlichen Graden stand zu halten, während die Restaurierung der Sommerschönheit weiter geht.
Stadt der Liebespärchen
Angeblich soll es in Warschau ausnehmend viele Hunde geben und darunter den Schäferhund als den beliebtesten. Ich habe allerdings überall Liebespaare gesehen, auf Rolltreppen und an den Haltestellen, knutschend, Hand in Hand. Neben auffallend häufigen Zuneigungsbekenntnissen (und weiblicher Eifersucht, by the way) erscheint mir noch ein Ungleichgewicht erwähnenswert, das für mein Empfinden zwischen der Attraktivität der jungen Frauen und ihrer Freunde besteht...
Nichts ist unvereinbar
Der Kulturpalast, ein unübersehbar stalinistisches Geschenk, soll in Zukunft noch mehr hinter Wolkenkratzern verschwinden. Einst hielt Jan Pawel II eine Messe davor. Kapellen in Hinterhöfen von Praga erinnern an die Kriegszeit, während der Bischöfe vor den Kämpfern der Armia Krajowa Messen abhielten, sogar Ehen schlossen. Kirche & Staat haben sich zu sozialistischen Zeiten scheinbar genauso wenig im Wege gestanden wie heute.
Schöne neue Welt - oder war ich in Wirklichkeit in Spanien?
AnKaLe - 23:06
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