Kolumne

Mittwoch, 19. März 2008

Ins falsche Nest

Das Privileg eines Blogbetreibers besteht darin, seine Meinung kundtun zu können, ohne dafür Politiker oder politischer Kolumnist zu sein (ich schreibe ab und zu Kolumnen zu sozialen Themen). Wenn nun das Stichwort "Zentrum gegen Vertreibung" fällt, kann ich einfach das Klappern meiner Tastatur nicht bleiben lassen und wiederholen: Zentrum ja, Berlin nein. Zum Ja: Es wird höchste Zeit, den unzähligen Menschen, die im 20. Jahrhundert ihre ursprüngliche Heimat verloren haben, einen Ort zu geben, der ihr Leiden anerkennt, der die Entwurzelung, den Identitätsverlust, die Irritation, Neuorientierung, Neuverwurzelung dokumentiert und würdigt. Zum Nein: Berlin ist schon das Zentrum Deutschlands, museal wie politisch und Letzteres ungünstigerweise schon in der NS-Zeit gewesen. Ein Zentrum zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung sollte das Europa des 20. Jahrhunderts mit mehrfachen Vertreibungswellen in verschiedenen Staaten zum Gegenstand haben, um sichtbar zu machen, was für Auswirkungen ein damals probates politisches Mittel auf das Schicksal Einzelner hatte und hat. Daher sollte das Zentrum im Zentrum Europas stehen, nicht unbedingt in der Mitte, denn darum werden sich die geografischen Vermesser endlos streiten, aber zum Beispiel in einem Länderdreieck wie dem zwischen Polen, Tschechien und Deutschland. Ließe sich da nicht ein geeigneter Ort finden?
Frohe Ostern!
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Sonntag, 15. Juli 2007

Ein Sonntag wie dieser

Hätte ich nicht im Jahre 1996 einen Studienplatz in Leipzig bekommen, wäre ich nie aus Berlin weggezogen. Im Vergleich der beiden Städte ist es mir anfangs vor allem von der kulturellen Warte her schwer gefallen, mich mit der kleineren der Städte zu arrangieren, wo ein Stadtmagazin, eine Stadtzeitung und eine Oper ihr konkurrenzloses Dasein fristen. Ich wollte eigentlich sofort nach dem Studium wegziehen und als sich dafür keine Gründe fanden, habe ich mich als in Leipzig hängen geblieben bezeichnet.
Ein Sonntagmorgen beginnt in Leipzig mit einem nicht ganz so späten Brunch, bei dem die Eltern in Ruhe schwatzen können, während ihre Kinder stundenlang unentgeltlich betreut werden. Dann fährt man an einen der Seen, den es in jeder Himmelsrichtung gibt. Man hat die Wahl zwischen der Straßenbahn, die einen direkt an den neuen Markkleeberger See bringt oder an den "Kulki", den Kulkwitzer See, einen der älteren Tagebauseen, der vormacht, wie eine rekultivierte Mondlandschaft aussehen wird, wenn die Bäume herangewachsen sind; mit dem Auto kann man zu den Autobahnseen im Osten, in deren Hintergrund der Wind und die Autos rauschen; mit dem Rad kann man über Land in den Norden oder ganz in den Süden, am Fluss entlang, durch den sich kilometer lang streckenden Auenwald... Oder man bleibt in der Stadt in einem Bad oder geht auf den Lehmbauplatz, wo Kinder nackt im Lehm herumpatschen und am Entstehen von Phatasiefiguren beteiligt sind. Bei Sonnen- und Mondschein kann man im Richard-Wagner-Hain auf der Wiese den Hörspielen des Hörspielsommers lauschen. In einem Stadtviertel durchkreuzt man ein gar nicht dröges Straßenfest, in einem anderen gibt es etwas Verrücktes mit Tradition, zum Beispiel den Prix de Tacot, ein Seifenkistenrennen die Kurven des Fockeberges hinab; die Stadt wird belebt von Anarchisten über Künstler bis zu Vereinsmenschen - ein buntes "Bürgerschaftliches" Engagement...
Neulich stand ich im Baumarkt an, um eine Farbe nach Wunsch mischen zu lassen. Vor mir war ein älteres Paar, das scheinbar gerade aus dem Süddeutschen nach Leipzig gezogen war und mich mit ihrer Frisch-in-Leipzig-Euphorie fast genervt hat. Ich war einfach nur im Alltagstrott und wollte endlich an meinen Farbeimer kommen. Nach einem Wochenende wie diesem muss ich gestehen, dass ich unmerklich begonnen habe, an Leipzig zu hängen und die Stadt sogar wärmstens als Lebensort empfehlen kann.
Rubrik: Kolumne
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