Anekdoten aus dem Literaturbetrieb

Freitag, 16. Mai 2008

Selber lesen macht schön

Es gab nur eine einzige negative Kritik zu meinem Debüt, aber die versetzte mich damals (2004) mehrere Stunden in Wut, weil die Argumentation auf Falschzitaten fußte. Hätte ich dieses Buch nicht schon gekannt, hätte ich es nicht kennen lernen mögen. Ich kannte es nun aber wortwörtlich und so fiel mir auf, dass in einem als Zitat angegebenen Teilsatz eine Präposition auf nicht unerhebliche Weise fehlte. Ein anderes Zitat kam mir nicht nur hinrissig, sondern gänzlich unbekannt vor und nach etwas Recherche kam ich dahinter, dass es sich folgendermaßen zusammen setzte: Adjektiv plus Substantiv aus einer Geschichte, wobei das Substantiv falsch geschrieben war, und ein Verb aus einer ganz anderen Geschichte. Da wurde aus bergevollen [Einkaufs-]Wagen und dem Wort klimpern das wundervolle Zitat kreiert "Augen, die über bergevollen Wangen klimpern". In sich ist der Verriss stimmig, da der junge Kritiker Stilblüten unterstellte, nur eben, dass er sie selbst produziert hat. Wen wunderts, wenn auch die literarische Einordnung ein paar Meter daneben traf.
Na gut. Es hat eben mein persönliches Bild der betreffenden Tageszeitung, sagen wir mal, etwas getrübt, und der Kritiker hat sich auf Anregung eines Schriftstellerkollegen die "Goldene Mistgabel" ordentlich verdient und damit hätte es sein Bewenden haben können. Wenn nicht genau dieser Artikel in der Online-Ausgabe der betreffenden Zeitung weiter sein Unwesen getrieben und sich scheinbar für immer und ewig mit meinem Namen und Buch verlinkt hätte.
Inzwischen habe ich mich über meinen Rechtsbeistand zu Urheber-und Persönlichkeitsrecht informiert und nun kursieren selten benutzte und nur geringfügig poetische Worte in meinem Passivwortschatz, so dass ich anstelle einer Short Story als Nächstes eine Abmahnung hätte verfassen können - da war die Rezension plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Na, da klimpere ich noch mal ein bergevolles Wagenauge zu.

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Freitag, 14. März 2008

Kreuzblüher u.a. Buchmesseneuheiten

Manchmal erwischt man jemandem auf dem falschen Fuss oder tritt zielstrebig in das größte Fettnäpfchen oder man meint, man tut das Beste und wird total missverstanden ... Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ungefähr jede zehnte Kommunikation schief läuft. Eine Freundin von mir, die so etwas wie Kommunikationswissenschaft studiert hat, schlug einmal vor, einen Friedhof für misslungene Kommunikationen einzurichten. Auf diesen Friedhof hätte ich in den letzten Jahre einige Kreuze gestellt, die alle etwas mit beruflichen Beziehungen zu tun haben.
Letztes Jahr lag zur Leipziger Buchmesse Schnee angematscht vor der gläsernen Halle, dieses Jahr blühen die Weiden und mit ihnen sprießen scheinbar Gefühle, die sich bei Unzufriedenen in Demonstrationen bis Revolutionen entladen könnten, im Moment aber eher das Gegenteil auslösen: Großes Entgegenkommen, diplomatische Gesten, angenommene Feindlichkeiten verwandeln sich in Sympathien. So stand z.B. während einer Lesung ein Kritiker neben mir, auf den ich eine ganze Zeit lang mehr als sehr ärgerlich war. Wir lachten über die selbe Sache im Vortrag, stellten uns vor, erkannten die Notwendigkeit, miteinander zu reden und rauchten die Friedenpfeife respektive -zigarette. Freundlich ausgesprochene Positionen bilden eine ganz andere Grundlage als ein Rundumverriss. Wo gehobelt wird, fallen Späne, das stimmt schon, aber darüber reden, erleichtert. Dann kann man die Späne nutzen, um eine Kommunikationsgrube zu zuschütten und eine Blume darauf pflanzen. (Falls das gewagte Bild schief gegangen sein sollte, bitte melden.)
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Freitag, 23. November 2007

Die spannendste Frage

Wenn man eine junge Autorin trifft, scheint eine der interessantesten Punkte zu sein, ob man denn da von (vom Schreiben) überhaupt leben kann. Manche Interessierte haben schon gehört, dass nur ein (bzw. sechs bzw. 25) Prozent aller Schriftsteller/Künstler von ihrer Arbeit leben können. Und was machen die anderen Prozent? Antwort folgt.
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Donnerstag, 25. Oktober 2007

Der Traum vom Buch und der Beitragsfresser

Einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen, ein Haus bauen respektive ein Buch schreiben – viele Menschen träumen davon, ihrem sterblichen Dasein ein Hauch von Ewigkeit zu verpassen und was scheint ewiger zu währen als die eigenen Betrachtungen zwischen zwei Buchdeckeln? Mit den Träumen von Liebhaber-Schriftstellern lässt sich viel Geld machen und noch mehr Schindluder treiben. Exemplarisch hat sich der Autorenschrittmacher-Blog einen der unzähligen "Zuschuss-Verlage" vorgeknüpft, der es mit dem Ausbeuten von Illusionen etwas zu weit getrieben hat. Unter dem entsprechenden Link ist allerdings nur zu lesen, dass dieser Eintrag nicht existiert. Richtiger müsste es heißen: er existiert nicht mehr, denn der Blogbetreiber hat scheinbar ein für ausgestorben gehaltenes Fossil reanimiert: Den Pressefreiheitsfresser.
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Dienstag, 11. September 2007

Wanted/Poszukiwany/Gesucht:

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Einmal wollte ich in der NZZ eine Annonce aufgeben, in der Art "Junge, erfolgversprechende Schriftstellerin sucht Mäzen". Leider hätte das Aufgeben einer solchen Annonce schon so viel gekostet, dass ich einen Mäzen für das Aufgeben der Suchanzeige nach einem Mäzen benötigt hätte.
Nun ist die Situation wieder akut: Durch die schreckliche Abstinenz von inspirierender Natur verbrauche ich in der Großstadt, um mich schreibend über Wasser zu halten, große Mengen von Schokolade, leider nur das Feinste vom Feinen, was mein momentan staatlich reglementiertes Budget gehörig übersteigt. Wer kann helfen? (Es muss kein Schweizer Schokoladenfabrikant sein). Kontakt
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Dienstag, 10. Juli 2007

Nix mit Elfenbeinturm

Es gehört fast zum Mythos eines (armen) Schriftstellers, dass er alle möglichen Jobs macht oder gemacht hat, um über die Runden zu kommen. Müllfahrer eignet sich sehr gut, weil derjenige, an den der Mythos gerichtet ist, impliziert, der Autor hätte unsere Gesellschaft nicht nur von ganz unten, sondern von einem wesentlichen Bestandteil her kennen gelernt. Damit kann ich nun nicht dienen, dafür aber mit 20 Jahren Praxis in Berufen von A wie

Altenpflegerin
Arzthelferin
Babysitterin
Bürofee für einen Verein
Ergotherapeutin (mit Diplom)
Fabrikarbeiterin
Gärtnerin
Garderobiere im Theater
Hausfrau
Journalistin
Kellnerin (musste ich wegen Talentlosigkeit beenden)
Kolumnistin
PR-Frau
Schokoladenfabrikarbeiterin (nie wieder Lila Pause)
Statistin
bis Z wie Zimmermädchen im *****Hotel
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Dienstag, 3. Juli 2007

7. Autoren, Menschen, Kritiker

Einmal bot ich einem Redakteur, der mir in meiner Eigenschaft als Schriftstellerin gewogen war, eine Rezension zu einem Buch an. Er beantwortete meine Anfrage mit einer Gegenfrage: Ob ich es nicht problematisch fände, über die Arbeit meiner Kollegen zu schreiben. Sein Einwand zeigte mir, wie sensibel er war, für das glatte Parkett, auf dass man sich in der Zwittereigenschaft Autor/ Kritiker begibt. Ich fragte mich daraufhin, ob ein Selbst-Schreibender objektiv genug sein kann. Ob seine Kriterien für das Gelingen eines Werkes auch relevant sind für Nicht-Schreibende, sprich: Leser, die nur um des Lesens willen lesen. Ob er in dem Beziehungsgeflecht, in dem er sich befindet, immer seinen kritischen Faden behält. Ob er ein Urteil Schwarz auf Weiß verantworten kann, wenn er darum weiß, wie wenig statisch unsere Einschätzungen sind. Wie abhängig vom Moment, von der eigenen Verfassung oder von Faktoren, die noch mehr von außen kommen. Ich nahm mein Angebot zurück, obwohl mir dadurch in diesem Moment ein Einkommensbereich verschlossen blieb, für den ich qualifiziert bin. („Einkommensbereich“ hört sich an, als hätte ich einige, auf die ich einfach ausweichen könnte…)
Mich wunderte, dass andere Redakteure ihren Autoren diese Frage nicht stellen. Denn tatsächlich unterstützt man im Kulturbetrieb Schriftsteller damit, dass man ihnen eine Chance zum Broterwerb gibt. So findet sich die Personalunion beider, zunächst gegensätzlich erscheinenden Professionen sehr häufig. Anzunehmen ist, dass Autoren ihre Autorenfreunde eher positiv besprechen, wenn sie ein Bewusstsein dafür haben, wie sehr sie auf ein intaktes Netzwerk angewiesen sind.
Ein großer anderer Teil von Kritikern besteht aus Menschen, die ebenfalls literarisch schreiben oder geschrieben haben, aber nicht in den Vorzug einer eigenen Veröffentlichung gekommen sind. Diesen Kritikern fehlt dann mitunter ein empathischer Umgang mit Büchern. Sie suchen in fremden Werken die an ihnen kritisierten Schwächen und werden, wenn sie so durch des Argwohns Brille schauen, auch fündig. In jedem Fall gehen ihnen Verrisse leichter von der Hand, man mag meinen, sie würden das Sprichwort „man trifft sich immer zweimal“ nicht kennen. Kritiker werden meist schlecht bezahlt, aber es sei ihnen zum Trost gesagt, dass sie immer noch mehr Einkommenssicherheit besitzen, als ein Autor, dessen Buch sie so übel besprochen haben, dass er, der Autor, es selbst nicht freiwillig in die Hand nehmen würde. Dass Verrisse einem Autor nützen, gilt wenn überhaupt, für etablierte Autoren. Potentielle Leser sind bei einem Übermaß an hoch gepriesenen Werken weniger geneigt, die Mühe auf sich zu nehmen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und selbst wenn sie es wollten, müssten sie das Buch erst einmal in einer Buchhandlung finden. Liebe Verlage, publiziert die Manuskripte aus den Schubladen der Kritiker, damit sie die andere Seite kennen lernen dürfen. Verrisse, wenn sie nötig werden, übernehm ich gern.
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Samstag, 30. September 2006

6. Wie ich Suhrkamp-Autorin wurde (beinahe)

Wo will ein junger, ambitionierter Schreiber hin? Zum Suhrkamp-Verlag, dem Olymp der deutschen Literatur, dem Eldorado der geistigen Delikatessen… Natürlich habe auch ich mein erstes Manuskript dort hingeschickt und es landete auf einem der meterhohen Stapel in einem Lektorenzimmer. Dann wurden bis in schwindlige Höhen noch ein paar Manuskripte oben drauf gepackt und weil der Arbeitsschutz für Leute in der Literaturbranche Unfälle durch einstürzende Manuskripttürme vermeiden will, muss ein Lektor nach gewisser Zeit ein neues, leeres Zimmer im Neubau beziehen.
Nach einem Jahr hatte ich die Gelegenheit, auf der Leipziger Buchmesse mit dem Geschäftsführer von Suhrkamp zu sprechen und er versprach mir, dass ich umgehend Antwort bekäme. Nach einem weiteren dreiviertel Jahr wurde ich etwas ungeduldig und schrieb einen Brief mit folgendem Inhalt: „Bitte werfen Sie mein Manuskript aus dem Fenster. Sammeln Sie dann die Blätter auf und geben Sie der Geschichte, die nun zuoberst liegt, eine Chance.“
Darauf bekam ich umgehend eine Antwort, sehr persönlich und verknüpft mit dem Wunsch, mich kennen zu lernen. Der Lektor kam nach Leipzig und erzählte mir in einem Café, wie wunderbar es bei Suhrkamp zuginge. Mit einer Entscheidung, was mein Manuskript anging, dauerte es noch ein paar Monate, inzwischen hatte ich einen Vertrag bei Luchterhand.
Trotzdem habe ich meinen alten Traum nicht aufgegeben und alle Manuskripte weiterhin an diesen Lektor geschickt und wenn ich die Korrespondenz überblicke, fällt mir auf, dass ich in der Zwischenzeit dreimal umgezogen bin. Suhrkamp strahlt nicht mehr ganz so wie früher. Der Lektor ist umgezogen zu einem neuen Verlag und als ich ihn einmal auf einem Empfang traf, stellte er mich seiner Begleitung als Autorin vor, die er damals bei Suhrkamp unbedingt haben wollte. Ach, das ist ja interessant, dachte ich und besorgte mir ein Glas Sekt.
>>Anfang der Serie: 1. Die großen Namen
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Freitag, 29. September 2006

5. Pornografie!

Mein erstes Buch erschien in einem wirklich feinen Literaturverlag, in den ich auch passe und mit meinen Potentialen erst recht. Das habe ich dem Verlag aber nicht mitgeteilt, sondern mich in jugendlicher Verstiegenheit gebärdet wie eine kapriziöse Jungautorin (so jedenfalls kann man meine Art interpretieren). Wie auch immer, zwischen dem ersten und dem zweiten Buch, für das ich schon einen Vertrag hatte, habe ich eine Sammlung Short Stories geschrieben. In einem Loyalitätsanfall habe ich meinem Lektor das Manuskript geschickt. Habe ich schon irgendwo erwähnt, dass er ein kleinerer Herr mit Schnauzbart war und dass ich mitunter erotische Elemente in meine Texte einfließen lasse? Also, es gab dann eines Tages ein Telefonat. Ich suchte mit meinem Handy die Telefonzelle auf, damit ich meinen Lektor besser verstehen könnte und er mich auch, ich hätte ihn auch von der Zelle aus zurück rufen können, aber seine Missbehagen war so groß, dass seine Botschaft kurz ausfiel, er rief aus: Das ist ja Pornografie! Danach hatte ich keine Lust mehr, etwas zu sagen, dem Verlag etwas zu schreiben oder zu schicken.
Ich finde es schade, dass in Deutschland so stark in Ernst und Unterhaltung unterteilt wird und Pornographie das Gegenteil von Literatur darstellt. Ich schreibe über das Leben und darin kommen Wärme und Kälte vor, Ängste und Gelüste. Aber Pornografie? Meine Herren, das sollte ich wirklich mal schreiben, damit ließe sich vielleicht ordentlich Geld verdienen.
Liebe Blogleser, Sie haben hier die einmalige Gelegenheit, sich selbst ein Bild zu machen. Meine Short Stories sind bis jetzt zum Teil einzeln, aber nicht als Buch veröffentlicht, hier eine, die ich am Gelungensten finde.


>>6. Wie ich Suhrkamp-Autorin wurde
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Montag, 25. September 2006

4. Im Schatten der großen Bäume

Die Frankfurter Buchmesse ist für Jungautoren ein großartiger Ort zum Schiffbruch erleiden.
Als „Es gibt diesen Mann“ erschien, spendierte der Verlag Anfahrt und Hotel und ein Essen mit Verlagskollegen und dem Verlag gewogenen Kritikern in einem der besten Frankfurter Gourmetrestaurants.
Am Tag meines großen Auftrittes am Stand hatte ich ein paar Foto- und Interviewtermine, naja, um es genauer zu sagen, einen Fototermin und ein Interview für ein Stadtmagazin. Die restliche Zeit saß ich lächelnd am Stand und verfolgte das Treiben rings herum und auch in nächster Nähe. Zur gleichen Zeit wie mein Debüt war auch ein neues Buch von Christa Wolf und eins von Antonio Lobo Antunes erschienen und es war interessant, wie sich Journalisten und Fernsehteams auf sie stürzten. Für ein Fernsehinterview mit Frau Wolf wurde der Stand kurzerhand umdekoriert, das heißt, die Reihe mit meinen Büchern wurde aus dem Blickfeld geschoben und der mittlere Regalbereich mit hundert Exemplaren des neuen Wolf-Buches gepflastert. Kabel wurden verlegt, Mikrophonständer aufgebaut und das eine oder andere Mal musste ich den Kopf einziehen, um nicht von einer schwenkenden Kamera gestreift zu werden. In diesem glorreichen Moment trat mein Verlagsleiter auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter und meinte in väterlichem Tonfall: „Eines Tages sitzen sie dann dort.“

>>5. Pornografie!
Rubrik: Anekdoten aus dem Literaturbetrieb
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1. Reise nach Masuren
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