Luft & Liebe
Nachdem ich jemandem die Frage nach meinem Beruf beantwortet habe, kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche, die Frage: Ja, kann man denn davon leben?
Ich bin Autorin, seit meinem Studienabschluss vor sechs Jahren selbstständig, habe 22Jahre meines Lebens Schulbänke gedrückt, gelernt, alle Prüfungen bestanden. Seitdem habe ich unzählige Chinakladden und Computerdateien gefüllt, zwei Bücher, etliche Erzählungen in Sammel-bänden und Zeitschriften, ein Hörspiel veröffentlicht, kleinere selbst produziert, Drehbücher geschrieben, Radiobeiträge, Kolumnen und Reisefeatures verfasst. Das hört sich großartig an, oder?
Ist es auch, von den Inhalten her. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, über Details zu Geschichten zu kommen, Menschen erzählen zu lassen und von dem Reichtum ihrer Geschichten etwas aufzunehmen, in jeder eine ganz eigene Stimmung aufzuspüren und alles mit Liebe zum Detail und einem kleinen Augenzwinkern zusammen zu komponieren. Zum Beispiel fürs Radio. Zum Beispiel für einen Kultursender, der für eine bestimmte Region zuständig ist(*). Aller paar Monate kann ich dort eine Idee unterbringen, wenn ich Glück habe. Dann recherchiere ich, führe Gespräche, mache Aufnahmen, schicke meinen geschriebenen Beitrag. Normalerweise gibt es dann noch ein, zwei Änderungen, dann fahre ich zum Produzieren in die Nachbarstadt. Dann wird der Beitrag gesendet, mitunter auch mehrmals, allerdings nur einmal bezahlt und zwar in einer Höhe respektive Tiefe, dass ich einmal spaßeshalber ausgerechnet habe, wie viel ich bezahlen muss, damit ich für diesen Sender arbeiten darf. Das ist nämlich die einzig befriedigende Erklärung dafür, dass seit sechs Jahren das ohnehin lausige Honorar gleich geblieben ist, von einem Euro mehr abgesehen, den die erste jemals von Ver.di durchgesetzte Tarif-verhandlung einbrachte. Um es mal mit Zahlen auszudrücken: 179 €.
Schon vor einiger Zeit habe ich die Konsequenz gezogen, da sich davon sowieso nicht leben lässt, nur noch das zu machen, was mir am allermeisten liegt und Spaß macht. So ist mein letzter Beitrag entstanden, mit viel Hintergrundwissen, Stimmung usw. Der Redakteur, mit dem ich lange nicht mehr gearbeitet hatte, fand meine Herangehensweise toll. Als es dann konkret wurde, hatte er einen grundsätzlichen Veränderungs-vorschlag, der mich einige Wochen kostete, um ihn umzusetzen. Diese zweite Fassung wurde dann eine runde Sache, bis der Redakteur darin herum strich und umstellte nach dem, was er als logischer empfand. Nur blieb es an mir, ein paar Lücken und brüchige Übergänge zu überbrücken. An diesem Punkt hatte ich schon tüchtig die Nase voll und überlegte, ob ich es darauf ankommen ließ, das ganze platzen zu lassen. Leider bin ich dann doch zu diplomatisch gewesen und die vierte Fassung stand nach zwei schlechtgelaunten Tagen, in denen ich einen anderen Auftrag aufschieben musste. Dann nahm der Redakteur noch eine Kürzung vor, bei der der interessanteste Teil wegfiel. In diesem Zustand konnte ich schon nicht mehr von meinem Beitrag sprechen, denn es waren zwar noch meine Gedanken, aber so zurechtgestutzt und unverbunden, dass ich den Gang ins Studio empfand wie Prostitution. Augen zu und durch und nie wieder. Es war mir immer wichtig, dass jeder Schnitt, jede Sekunde mit Bedacht gesetzt ist, diesmal überließ ich der Technikerin das Handwerk, nickte alles ab und sagte zum Schluss nicht wie sonst: bis zum nächsten Mal.
(*) übrigens, wie ich gehört habe, die reichste Sendeanstalt unter den dritten Programmen, zumindest, was das Fernsehen angeht. Der Radioanteil bekommt jedes Jahr neue Sparauflagen.
Ich bin Autorin, seit meinem Studienabschluss vor sechs Jahren selbstständig, habe 22Jahre meines Lebens Schulbänke gedrückt, gelernt, alle Prüfungen bestanden. Seitdem habe ich unzählige Chinakladden und Computerdateien gefüllt, zwei Bücher, etliche Erzählungen in Sammel-bänden und Zeitschriften, ein Hörspiel veröffentlicht, kleinere selbst produziert, Drehbücher geschrieben, Radiobeiträge, Kolumnen und Reisefeatures verfasst. Das hört sich großartig an, oder?
Ist es auch, von den Inhalten her. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, über Details zu Geschichten zu kommen, Menschen erzählen zu lassen und von dem Reichtum ihrer Geschichten etwas aufzunehmen, in jeder eine ganz eigene Stimmung aufzuspüren und alles mit Liebe zum Detail und einem kleinen Augenzwinkern zusammen zu komponieren. Zum Beispiel fürs Radio. Zum Beispiel für einen Kultursender, der für eine bestimmte Region zuständig ist(*). Aller paar Monate kann ich dort eine Idee unterbringen, wenn ich Glück habe. Dann recherchiere ich, führe Gespräche, mache Aufnahmen, schicke meinen geschriebenen Beitrag. Normalerweise gibt es dann noch ein, zwei Änderungen, dann fahre ich zum Produzieren in die Nachbarstadt. Dann wird der Beitrag gesendet, mitunter auch mehrmals, allerdings nur einmal bezahlt und zwar in einer Höhe respektive Tiefe, dass ich einmal spaßeshalber ausgerechnet habe, wie viel ich bezahlen muss, damit ich für diesen Sender arbeiten darf. Das ist nämlich die einzig befriedigende Erklärung dafür, dass seit sechs Jahren das ohnehin lausige Honorar gleich geblieben ist, von einem Euro mehr abgesehen, den die erste jemals von Ver.di durchgesetzte Tarif-verhandlung einbrachte. Um es mal mit Zahlen auszudrücken: 179 €.Schon vor einiger Zeit habe ich die Konsequenz gezogen, da sich davon sowieso nicht leben lässt, nur noch das zu machen, was mir am allermeisten liegt und Spaß macht. So ist mein letzter Beitrag entstanden, mit viel Hintergrundwissen, Stimmung usw. Der Redakteur, mit dem ich lange nicht mehr gearbeitet hatte, fand meine Herangehensweise toll. Als es dann konkret wurde, hatte er einen grundsätzlichen Veränderungs-vorschlag, der mich einige Wochen kostete, um ihn umzusetzen. Diese zweite Fassung wurde dann eine runde Sache, bis der Redakteur darin herum strich und umstellte nach dem, was er als logischer empfand. Nur blieb es an mir, ein paar Lücken und brüchige Übergänge zu überbrücken. An diesem Punkt hatte ich schon tüchtig die Nase voll und überlegte, ob ich es darauf ankommen ließ, das ganze platzen zu lassen. Leider bin ich dann doch zu diplomatisch gewesen und die vierte Fassung stand nach zwei schlechtgelaunten Tagen, in denen ich einen anderen Auftrag aufschieben musste. Dann nahm der Redakteur noch eine Kürzung vor, bei der der interessanteste Teil wegfiel. In diesem Zustand konnte ich schon nicht mehr von meinem Beitrag sprechen, denn es waren zwar noch meine Gedanken, aber so zurechtgestutzt und unverbunden, dass ich den Gang ins Studio empfand wie Prostitution. Augen zu und durch und nie wieder. Es war mir immer wichtig, dass jeder Schnitt, jede Sekunde mit Bedacht gesetzt ist, diesmal überließ ich der Technikerin das Handwerk, nickte alles ab und sagte zum Schluss nicht wie sonst: bis zum nächsten Mal.
(*) übrigens, wie ich gehört habe, die reichste Sendeanstalt unter den dritten Programmen, zumindest, was das Fernsehen angeht. Der Radioanteil bekommt jedes Jahr neue Sparauflagen.
AnKaLe - 2008.10.02, 14:20
153mal gelesen


