Allgemeines Arbeitstagebuch

Sonntag, 29. Juni 2008

Fertig, nicht fertig

Fertig, mit dem Thema, erstmal, erstmal nicht wissen, wie weiter und doch wissen, dass ich noch weiter arbeiten muss an meinem Roman, in die Tiefe, in die Breite und sogar strukturell. Am liebsten wäre ich wirklich fertig, würde gern etwas Neues beginnen und schon gar nicht unter Druck an meinem Skript herumdoktorn. Es gibt keinen Druck, keinen äußerlichen. Keinen Vertrag, kein Ablieferungsdatum. Nur den üblichen Existenzdruck, von dem man ja meint, er würde Künstler zu Höchstleistungen inspirieren, was ich so nicht bestätigen kann. Es sollte einem nicht zu gut und nicht zu schlecht gehen zum Schreiben.
Natürlich habe ich mir etwas versprochen, nämlich ein gutes Buch zu schreiben und ich habe mich unter Druck gesetzt, in dem ich mein Vorhaben hier publik gemacht habe; vielleicht um mich selbst zu disziplinieren und in der einsamen Zeit des Entwickelns und Schreibens wenigstens in einem Pseudodialog zu stehen.
Ab und zu erzählt mir jemand, dass er oder sie auch schreibt oder schreiben möchte und ich ermutige jeden und habe sogar den Verdacht, dass es einfacher ist, wenn man sich nicht mit der Metaebene des Schreibens beschäftigt und wenn man die hundert genialen Bücher im Schrank und die Milliarden Bücher, die gedruckt werden, übersehen kann. Wenn man sich nicht fragt, warum die Welt nun unbedingt noch diese Geschichte braucht, ob die Geschichte wichtig genug ist, ob man selbst mit der Sicht, der Beschreibung, den Gedanken wichtig genug ist, um Papier zu füllen, ein Buch daraus machen zu lassen, das dann in der großen Bibliothek einen kleinsten Teil ausmacht.
Die Möglichkeit, dass es vielleicht gefunden wird, vielleicht einer Hand voll Menschen etwas bedeutet, vielleicht nur mit einem Kapitel, einem Satz, für diese Möglichkeit lohnt es sich natürlich, weiter zu machen.
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Mittwoch, 4. Juni 2008

Was in der Zwischenzeit passiert

Die ersten Reaktionen sind eingetroffen und ich bin sehr zufrieden. Besonders freut mich die Meinung der 85jährigen Dame, die für mich als Zeitzeugin das Manuskript gegengelesen hat und sagte, die Geschichte hätte sie sehr berührt. Nun habe ich endlich auch einen jungen Historiker, der viel zur masurischen Geschichte veröffentlicht, für mein "Expertenteam" gewonnen. Nichts gewonnen ist in dem langjährigen Versuch, Akten über den Prozess, der meiner Großmutter gemacht wurde, zu finden und obwohl es im Deutschland der Nazizeit vergleichbare Fälle gegeben hat, wird mir einfach keine Archiveinsicht gewährt. Auf der Suche nach jemand ganz anderem, nämlich der Schwester von Regina, meiner Wahl-Großmutter, gibt es neue Zeichen: Das Rote Kreuz hat die Anfrage an einen anderen Suchdienst weitergeleitet. Irgendwie habe ich die Suche nach dem Grab meiner eigenen Großmutter erstmal aufgegeben, sie ist ja in mir oder in meinen Zeilen irgendwie zur Ruhe gekommen. Gleiches würde ich gern für die Schwester von Babcia Regina tun. Weil ich nun endlich dazu komme, den Radiobeitrag über Warschau zu produzieren, ist mir Reginas Stimme gerade ganz nah.

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Montag, 26. Mai 2008

Ende und Anfang

Die Erleichterung genießen, etwas zu Ende gebracht zu haben, wenn auch nur vorerst. Im Moment liest eine Dame, die fast so alt ist, wie meine unbekannte Großmutter es heute sein könnte, das Manuskript gegen. Sie stammt aus dem gleichen Ort in den Masuren und ist mir wichtig, als eine Art Rückversicherung durch Zeitzeugen. Dabei geht es mir besonders um die Authentizität bestimmter sprachlicher Wendungen.
Entscheidungen, die im Hintergrund mitliefen, treten langsam wieder in den Vordergrund und auch neue Ideen und das Wiederaufnehmen von alten Projekten. Viele Fäden laufen parallel - eine kreative (Un-)Ordnung.
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Freitag, 16. Mai 2008

Inspirationsquelle

bluethengrund

Mein neuer Roman ist fertig, in der ersten Fassung, und nun bin ich gespannt auf die Reaktionen der Vertrauten. Ich fühle mich erleichtert, als hätte ich eine Doktorarbeit abgegeben, wobei man das wohl höchstens ein- bis zweimal im Leben hinter sich bringt und ich noch so viele Themen vor mir sehe.

Foto: Zusammenfluss von Saale und Unstrut im Blüthengrund bei Naumburg. So schön ist es in Sachsen-Anhalt und ich durfte zwei Tage diesen Ausblick genießen.
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Donnerstag, 8. Mai 2008

Die Sonne, der Mai, der Garten und das Manuskript

Alles Schöne unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal gar nicht so einfach. Und das Unkrautrupfen und Säen und Pflanzen hatte einfach erstmal Priorität und Geldaufträge natürlich. Nun ist zumindest in meinem grünen Refugium alles soweit in Ordnung, dass ich mit Laptop dort sitzen und arbeiten kann, d.h. konkret, mein Manuskript durchharken, bevor es auf die Reise zu einer Handvoll Erstleser geht.
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Dienstag, 15. April 2008

Ein Vogel und sein Dialekt

pirol
spielt in meinem Roman eine Rolle, zu hören ist er hier

Foto: Wikipedia

und übrigens: 501mal gelesen: 10. Verhexter Ort
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Montag, 14. April 2008

Wörterbuch einer aussterbenden Sprache

Masurisch-Deutsch

fensterladki = Fensterladen
gafelko = Gabel
heu kaschinski = schnell weg (von hier)
itsch ti = geh weg
mucha = Fliege
muja matka = meine Mutter
klebba = Brot
kossa = Ziege
mui bossä kochhanni = mein lieber Gott
sotro jes = was ist das
zagowac = sägen
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Dienstag, 8. April 2008

Nicht fix und nicht fertig

Nachdem ich die Rohfassung von "Bleib ein wenig, G" (Arbeitstitel) fertig geschrieben habe, bin ich in eine mehrtägige Agonie verfallen und dachte, ich würde nie wieder etwas schreiben und lieber als Verkäuferin arbeiten. Überhaupt hatte ich keine Idee mehr, wie irgendwas weitergehen sollte, und einfachste Entscheidungen kamen mir vor, als würden sie wie Brocken vor mir liegen. Nun kehren langsam die Ideen und Entschlussfreudigkeit zurück und wenn mich nicht die Drückeritis erwischt, wäre der nächste Schritt, das Ganze auszudrucken und mich an die Feinarbeit und Nachrecherche zu machen. Das wird noch mal viel viel Zeit in Anspruch nehmen.

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Dienstag, 25. März 2008

Morgen bringe ich sie um

Die Geschichte steht. In groben Umrissen wie eine Steinmetzarbeit, aber sie steht. Es fehlen noch die letzten Seiten, der letzte Tag von Minna. Minna heißt meine Hauptfigur, mit ihr versuche ich das Leben meiner unbekannten Großmutter nachzuzeichnen. Minna heißt für mich, pimaldaumenmalsprachspiel vom Finnischen abgeleitet "Ich", aber auch ohne das wird man leicht spüren, wie viel von mir in dieser Figur steckt. Schon sind die Russen im Dorf, schon sind die Nachbarn geflohen ohne sie überzeugen zu können, mitzugehen, schon sitzt sie mit Aschenfarbe auf der Haut und in Kleidern einer alten Frau in ihrem Versteck...

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Montag, 10. März 2008

Endlich zu Grabe tragen

Den heiklen Punkt von 80 Seiten hatte ich schon letzten Sommer erreicht, das ist der Punkt, der die Gefahr des Scheiterns oder Abbrechens zu bannen scheint. Dann sind aber wieder viele Monate ins Land gegangen, in denen ich die Datei mit Mühe und Not ein paar Mal öffnete und mich zwangsläufig darauf einlassen musste, um für eine Stipendienbewerbung eine Auswahl zu treffen, was in so einem rohen Zustand nicht ohne Zweifel abgeht. Dann ist einfach nur wieder das Leben dazwischen gekommen, administrative Sachen, andere Projekte, Aufträge, Familie, Gesundheit, schließlich lag der Roman soweit verschüttet, dass ich mich kaum noch aufraffen konnte und mir auch der ursprünglich so starke Antrieb abhanden gekommen war. Nicht mal die Aufmunterungsversuche einiger Menschen, die mir nah stehen und denen ich glaube, dass sie sehr gespannt auf das neue Buch sind und die Geschichte mit echtem Interesse lesen würden, brachte mir wirklichen Antrieb. Schließlich half das Vorbild von Autoren, die als Vielschreiber bekannt sind und denen es offensichtlich gelang, sich zu disziplinieren, die feste Strukturen und Arbeitszeiten besaßen, denen sich nicht nur sie selbst, sondern auch alle Angehörigen unterzuordnen hatten. Ganz so radikal gelingt mir das nicht. Ich frage mich, ob es für weibliche Autoren/Künstler allgemein etwas schwerer ist, ihren schöpferischen Egoismus auszuleben. Der Kompromiss besteht darin, doch alles unter einen Hut zu bekommen und die verbleibende Zeit zu nutzen, sich von der Inspiration etwas unabhängiger zu machen und zu schreiben, einfach zu schreiben. So nähere ich mich mit dem Schneckentempo von einer Seite pro Tag stetig dem Ende der Geschichte. Ich weiß jetzt schon, dass ich als das Resultat vieler Jahre (die ersten Aufzeichnungen sind von 2003) wieder nur einen schmalen Band davon tragen werde, der die Bezeichnung Roman jedenfalls nicht allein aufgrund der Seitenzahl verdienen kann. Langsam langsam trage ich nun meine Großmutter zu Grabe, eine Figur, die ich aus mir heraus geschaffen habe und mit der ich latent oder zeitweise sehr intensiv gelebt habe. Einmal hat ein Kritiker mehr oder weniger vorwurfsvoll geschrieben, ich bewegte mich in einer Parallelwelt - ich sehe darin keinen Grund zum Vorwurf. Aber es wird gut tun, dieses Projekt zu Ende zu führen und meine Großmutter, wenn ich schon kein Grab finde, in mir zur Ruhe kommen zu lassen.

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1. Reise nach Masuren
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