1. Reise nach Masuren

Sonntag, 27. Juni 2004

5. Steine II

Steine auf den Feldern

Über die Steine habe ich vergessen zu schreiben, die Steine, die auf den Feldern liegen und bei jedem neuen Beackern zutage treten, als würden sie nie weniger. Mit einer Axt hatte sie Ryszard aufgespalten, so dass sie glatt in der Mitte brachen. Nein, Edelsteine hatten sich nicht unter der sandfarbenen Kruste versteckt, aber einer enthielt soviel Quarz, dass er farbig schimmerte. Weil er viel zu schwer zu tragen wäre, habe ich ihn natürlich dort gelassen, was ich nun bereue, denn ich hätte ihn gern auf das Grab meines Vaters gelegt. Und obwohl ich kein Anhänger von symbolischen Akten bin, viel lieber hätte ich einen Stein auf das Grab meiner Großmutter gelegt. Hätte ich auch nur irgendein von meinen Vorfahren hinterlassenes Zeichen gefunden oder wenigstens ein anderes Indiz ihres Lebens, es hätte mich beruhigt und verortet mit einer Gegend, in der ich nie gelebt habe oder leben würde, mit der ich mich aber auf eine schwer verständliche Weise tief verbunden fühle.

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Freitag, 28. Mai 2004

4. Phantombild

Für einen Tag im September war das alljährliche Treffen der ehemaligen Gedwangener angesetzt, in L. an der Wümme in einem Hotel in der Bismarckstraße. Trotzdem ich mich herzlich eingeladen fühlte, befürchtete ich, den Kaffeekranz der Eingeschworenen zu stören, durch meine Jugend, durch meine Haltung zu Politik und Geschichte. Fragend oder erzählend würde ich ein Fremdkörper bleiben. Ich befürchtete gleichermaßen einen Überschwang an Gefühl wie zu kühle Zweckmäßigkeit. Ich hörte nicht auf zu hoffen, dass mir jemand ein Bild meiner Großmutter in die Hand geben würde oder ihre Grabstelle kannte. Das Treffen in L. betrachtete ich als krönenden Abschluss meiner Suche, denn ich spürte zunehmend den Drang, mich wieder in meine eigene Gegenwart abzuseilen, mit diesem Phantomdorf zu schließen und dem Bild von Gedwangen durch ewig neue Perspektiven keine neuen Zurechtzerrungen zu zufügen, denn es hatte in mir eine Gestalt angenommen, die funktionierte, die lebte wie eine Fiktion leben kann.
Eine Woche vor dem Treffen erreichte mich zu früher Stunde ein Anruf. Das Treffen wurde abgesagt, denn es käme nur noch eine Handvoll Gedwangener zusammen, die anderen lägen im Krankenhaus, hätten mit der Chemotherapie zu kämpfen oder könnten nicht mehr gehen. Es sind dies die letzten Masuren, mit ihnen stirbt eine eigene Sprache, das Masurische, endgültig aus, Lieder, Bräuche und Geschichten. Doch allein über den kleinen Ort Gedwangen haben gleich drei Hobbyautoren aus ihrer Sicht geschrieben, für sich selbst und ihre Bekannten, ein Zeugnis über ein Dorf, das nun noch zwischen Buchdeckeln weiterlebt.
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Donnerstag, 20. Mai 2004

3. Die Nachbarin

Immer war sie es, die mich anrief, um ein Treffen in Aussicht zu stellen und aus gesundheitlichen oder anderen Wichtigkeiten aufzuschieben. Sie hatte meine Telefonnummer von ihrer weitaus aufgeschlosseneren Schwester erhalten. Darüber sind etliche Monate vergangen. Frau S. wohnt, im Gegensatz zu den meisten ehemaligen Gedwangenern nicht in Westdeutschland, sondern auf einem Dorf ganz in meiner Nähe. Und als Kind wohnte sie gegenüber meiner Großmutter, nach der mich schubweise eine unerklärliche Sehnsucht erfasst.
Endlich treffen wir uns, in einem Caféhaus, das vorwiegend von älteren Damen besucht wird. Wir sind beide pünktlich und erkennen uns gleich. „Ich seh ihn noch vor mir, ihren Vater, Fritzek, wie wir ihn damals nannten. Ein Blondschopf mit Zweireiher aus Cordsamt.“ Sie erinnert sich auch noch an das Kopftuch meiner Urgroßmutter, die für sie immer Witwe war. Ein Kopftuch mit Fransen.
Schwarz-Weiß sind die wenigen verbliebenen Fotos: Ihr Haus, das schräg gegenüber dem Haus meiner Vorfahren stand, Vater, Mutter, die beiden Schwester- die Fotos werden zum Spiegelbild, zur Vorstellungshilfe. Eine schlichte Laube vor dem Eingang des Holzhauses. Die Ziegel waren wohl rot, die Fensterläden grün gestrichen. Ein halbhoher Lattenzaun. Der Vater in Uniform, sie selbst mit der Kittelschürze, die der Vater als Geschenk mitbrachte. Geschichten vom Schneider, Namen von Gasthäusern und Geschäftsbetreibern, eine Menge von Details (ein großes, gut sortiertes Geschäft: die Stoffballen für die Herren auf der linken Seite, für die Damen auf der rechten). Ich versuche mich mit dem Dorf aus ihrer Sicht vertraut zu machen. Und mit der Großcousine meines Vaters, die auf Fotos zu sehen ist, ein Geschenk für mich. Eine rundliche Dame, von deren Existenz ich schon einmal, aber ohne Interesse gehört hatte. Nun erfuhr ich, dass sie mit meinem Vater aufgewachsen war, also auch meine Großmutter gut gekannt haben muss und dass sie vor kurzem gestorben ist.
Ein Familienzusammenhalt besteht aus unfreiwilliger Bekanntschaft, innerhalb derer man Konflikte austrägt, die man mit anderen Bekannten umgehen würde bzw. die Freundschaft, wenn die Marotten unerträglich werden, auflösen würde, was bei den fast virtuell zu nennenden Blutsbanden nicht möglich ist. Meine Familie, wäre sie nicht so zerrissen gewesen, hätte Ort der Erinnerung sein können, ein Austragen von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, ein Aufbewahren von belanglosen Geschichten, die unvermutet von Belang sein könnten. Worüber ich oft klagen höre- die hundertmal wiedergekäuten Kriegsgeschichten, Großmuttermoralien, Redewendungen, Lieder, Witze – ich hätte sie jetzt gern erfahren. Weil die kleinen Geschichten die große Geschichte nah und anschaulich machen, fühle ich mich als (familien-)geschichtliche Halbwaise angewiesen auf die Aufzeichnungen und Erzählungen anderer Familien und sammle begierig im Augenblick nicht besonders sinnvoll erscheinende Details: Die „Esso“-Tanksäulen vor dem Gasthaus und der Schriftzug „Zimer“ an der Fassade und über der Tür eine verzierte Hakenkreuzfahne. Heidel-, Preisel- und Wilderdbeeren, die gesammelt wurden bei Gefahr vereinzelter Schlangen, vereinzelt ein Wolf, der sofort abgeschossen wurde-
Märchenhafte Erinnerungen an das Dorf einer fremden Kindheit, das weiterlebt, obwohl sich das reale Gesicht sehr verändert hat. Das überschriebene Dorf, das weiterlebt in einer Parallelwelt.
Ich fühle mich beschenkt, als mir Frau S. ihre Telefonnummer diktiert, mit der Zugabe, ich könne sie jederzeit anrufen. Von sich aus hatte sie zweimal das Thema angerissen, aus dem ihre anfängliche Berührungsangst gestammt haben mag: den „inneren Horror“, den sie bei Filmen über Ostpreußen empfindet und das „Schreckgespenst“, das die Flucht noch heute für sie bedeutet.
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Samstag, 15. Mai 2004

2. Apokalypse soon

Immer wieder wurde ich auf der Suche nach Unterlagen über meine Familie auf die Mormonen verwiesen, die aus religiösen Gründen vielerorts Urkunden und Kirchenbücher abfotografiert hatten und auf Mikrofilmen Daten, die der Krieg ansonsten ausgelöscht hätte, retteten. Die Benutzung der Archive mit dem Hauptsitz in Michigan ist frei und frei zugänglich, als Gegenleistung erwartet man lediglich das Freigeben eigener genealogischer Forschungsergebnisse, was im Prinzip selbstverständlich klingt, der Vervollständigung des Archivs wegen.
Nach Auffassung der Mormonen vereinigen sich nach dem Tod die Familien, weshalb schon zu Lebzeiten der Stammbaum eine große Rolle spielt und sozusagen der besseren Vorbereitung auf das Treffen im Himmel dient. Jedes neu entdeckte Familienmitglied wird posthum den Mormonen zugetauft.
Unmittelbare Vorfahren meiner Familie könnte ich nicht ausfindig machen, weshalb ich alle Details, die ich besaß, in eine Mail steckte. Nach dem Abschicken erfolgte eine Fehlermeldung durch meinen Computer. Kurz darauf entdeckte ich erst den vollständigen Namen der Religionsgemeinschaft: Kirche des letzten Tages. Womöglich hat mein Computer einen klugen Fehler begangen und mich davor bewahrt, meine Vorfahren unbekannterweise an eine Sekte zu verkaufen.
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Sonntag, 2. Mai 2004

1. Zurück in Deutschland: ein Herzsprung

In meinen daheim gelassenen Notizen finde ich die Notiz, die ich damals lapidar auf einen Rand geschrieben hatte: Emilie Sawitzki, zuletzt wohnhaft in Malschöwen.
Der Ort, der für mich beim damaligen Aufschreiben nur aus Buchstaben bestand, ersteht nun vor meinem inneren Auge auf. Ganz ohne Absicht, weil mich der Weg, der See, angezogen hatten, war ich dorthin gefahren, habe ein verwaistes Hexenhaus, einen eingefallenen Steg inspiziert, dort war die verflixte Kette abgesprungen. Dort und nur dort hatte ich nicht nach einem Friedhof gesucht.
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Samstag, 24. April 2004

20. In der Mitte von Unbestimmt

Kopernikus in Olsztyn (Allenstein)
Als Kind lag für mich der Ort, den man mit Kopernikus verband, ungefähr in Böhmen. Mit dieser Ansicht würde ich mir den Ingrimm gleichzeitig der Deutschen und der Polen zuziehen, die sich um den großen Gelehrten und seine Nationalität streiten. Ungerührt sitzt der große Weltbeweger an der Brücke zur Allensteiner Burg, von wo aus er einst die Polen um Hilfe gegen die Deutschen gebeten haben soll, andererseits aber vom Deutschen Kaiser ein Denkmal gesetzt bekam, posthum . Auch die Stadt Allenstein kommt, zwar nur noch im Kern von Marktfleckenschönheit geprägt, einem Zankapfel gleich. Während deutsche Touristen mit Rührung und verzagtem Stolz an allen Ecken feststellen, wie deutsch die Stadt noch immer erscheine, lässt ein ins deutsche übersetzter Stadtführer gerade noch die Vermutung zu, Olsztyn hätte sich eine winzige Zeitspanne im 20.Jahrhundert in deutscher Hand befunden. Gleichzeitig wird der Ursprung der deutschen Bezeichnung auf das „wild fließende“ Gewässerchen Alle und eine Sage aus dem Mittelalter zurückgeführt.
In einem Café zur Zeit einer Afterworkparty stoßen meine Allensteiner Gastgeber mit Anna, der ursprünglichen Bewohnerin des Zimmers in Gedwangen und ihrem Mann auf meinen Geburtstag an. Die Herren trinken Bier und die Damen schnorcheln Gemischtes mit dünnen Trinkröhrchen.
Auf der Heimfahrt stoppt der Zug im Gleisgemenge von Ilowa, einst Umschlagplatz im Güterverkehr und Tor zum goldenen Westen für osteuropäische Auswanderer. Dort wurde die Großspur der russischen Bahn auf Schmalspur der Bahn des Deutschen Reiches umgestellt. Durch Gdansk hindurch, hinter dessen Backsteingiebel das Meer gerade nur zu ahnen ist, fahre ich durch sanft grünende Natur Deutschland entgegen, wo das Grün schon in Sattheit explodiert ist.
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Freitag, 23. April 2004

19. Granica

Das polnische Wort für Grenze tauchte schon 1260 in Urkunden des Deutschen Ordens auf und wurde von Luther in die deutsche Hochsprache übernommen. Das Wort Grenze ist also nicht, wie man vermuten könnte, eine deutsche Erfindung analog dem Wunsch/Zwang, alles zu benennen, einzuordnen, abzugrenzen, sondern wurde zum ersten Mal dort notwendig, wo man auf sie traf.
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Donnerstag, 22. April 2004

18. Zu Schnell zurück

Am Morgen meines Geburtstages komme ich schwer aus dem Bett, weil ich in der Nacht oft durch vorbeidonnernde LKW’s erwacht bin. Meine Gastgeber gratulieren mir zum Geburtstag, aber ich merke, dass er für sie nicht von gleicher Bedeutung ist wie ein Namenstag und die folgenden Stunden stehen unter dem Zeichen, dass es vieles gibt, das man schwer teilen kann. Benjamin und eine junge Frau, die für das Radio der deutschen Minderheit arbeitet, kommen in das Haus, das mir so lieb geworden ist und durch die bloße Anwesenheit von zwei Außenstehenden bildet sich ein Fünkchen Distanz, als stünde alles, was so selbstverständlich funktioniert hat, das Zusammenleben, der Glanz der Herzlichkeit, das Erzählen mit Händen, Füßen und Wörterbuch auf dem Prüfstand. Plötzlich gilt es, meine alles andere als professionelle Methode des „Recherchierens“ zu rechtfertigen, denn natürlich betrifft das Interesse der beiden nebenberuflichen Journalisten meine Arbeit als Autorin, über die ich weder sprechen kann, noch will. Zu frisch sind die kleinen Eindrücke, um etwas Allgemeineres von mir zu geben und widersinnig deshalb, vor eingeschaltetem Mikrofon an der stark befahrenen Straße Fragen wie „mit welchen Erinnerungen werden sie zurückkehren?“ zu beantworten. Hausamhausamhaus
Wir besuchen ein paar Plätze, die mir wichtig geworden sind, aber das Gefühl des Ausverkaufes lässt sich nicht abschütteln. Man müsste meine bescheidene und sehr persönliche Reise schon sehr ausschlachten, um im Sinne eines schlechten Journalismus eine gute Story daraus zu machen. Für mich erscheint dieser Ort, die kaum benennbaren Ergebnisse meiner Suche, das Ausbleiben von Fakten, mehr als befriedigend, weil ich nichts dergleichen erwartet hatte und mich vielmehr darüber freue, wie leicht und freundlich die Tage verliefen. Ich fühlte mich so wohl, dass ich ihr Ende gar nicht vor mir sehe. Erstaunlicherweise habe ich gerade in einem Land, das von manchen Vorurteilen belastet ist, ein Stück Urvertrauen zurückgewonnen. Zu meinen Gasteltern hatte sich in diesen Tagen ein vollkommenes Vertrauen eingestellt, abgezogen nur ein verschmitztes Lächeln, das ich nicht verstand, oder eine winzige Lachfalte um die Augen meiner Gastmutter, die in einem Film eine herzhafte Zigeunermama abgegeben hätte. Die Art, in der Ryszard „frieh“ sagte („früh“), das schmale Gesicht, die Denkfalten, ja sogar die eckige goldene Brille, hatten mich mehr als einmal an meinen Vater erinnert und so einzigartig er mir verglichen mit anderen Männern in meiner Heimat erschienen war, um so mehr konnte ich ihn mir hier in seiner natürlichen Umgebung vorstellen, als unter seinesgleichen. Die Menschen, die seiner Mentalität ähneln, so deutsch die Familie meines Vaters auch offiziell war, wären polnisch.
Ich war froh, dass ich nicht zugelassen hatte, von den beiden Journalisten gleich am ersten Tag begleitet zu werden, wie der ursprüngliche Vorschlag lautete. So verdarb es nur meinen letzten Tag, das Abschiednehmen. Im Auto, das mich nüchtern vom Hof und aus dem Dorf davon trug, rede ich die studiogebräunte Frau weiterhin mit Sie an, obwohl sie mich weiterhin duzt und wegen dieses nicht stark ausgeprägten Differenzierungsvermögens unterstelle ich ihr insgeheim, dass ihr Interesse für Deutsches nicht nur ideeller Natur ist. Ich wäre lieber mit dem Bus über die Straßen geschaukelt und in jedes Dorf abgezweigt. In Allenstein viel zu schnell angekommen, erwartet mich eine leere Wohnung in der Neubausiedlung. Magda ist am anderen Ende Masurens unterwegs.
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Mittwoch, 21. April 2004

16. Nebenan

Einer der wenigen erhaltenen Grabsteine auf dem protestantischen Freidhof in Jedwabno (Gedwangen).Vor meinem Fenster schwankt eine hochgewachsene Tanne leicht im Wind, dahinter liegt ein Stück Garten, daran grenzt der alte Friedhof, um den sich meine Gedanken immer wieder ranken. Die Frage, ob es etwas gibt, das man für diesen Ort tun könnte oder sollte, wird zur Metapher dafür, wie man sich diesem Teil deutsch-polnischer Vergangenheit nähern kann – so bestimmt wie ein bestimmtes Maß an Aufarbeitung zur Identitätsbildung notwendig ist und gleichzeitig so sanft, dass weiter ruhen kann, was der Natur im Laufe der Zeit schon fast wieder anheim gefallen ist. Wem würde es noch nützen, die Gräber wieder kenntlich zu machen, da die Generation, die keinen Ort zur Trauerbewältigung besaß, nun auch bald gehen wird. Barbara fragt mich, wie es dort jetzt aussähe, auf dem Friedhof, der an ihr Grundstück grenzt. In absehbarer Zeit werden die letzten schmiedeeisernen Gitter vom Rost zersetzt und die Grabumrandungen zerfallen sein und der Friedhof dem Ort einverleibt, ohne jemals bebaut zu werden und somit etwas zu Übersehendes, Verdrängtes bleiben.
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17. Spurensuche

Das einzige Gut, dass sich in der Nähe befand, liegt drei Kilometer entfernt. Über die Felder gehe ich, in der vagen Idee, dass auch meine Großmutter diesen Weg gegangen ist – vom Haus ihrer Eltern am Sägewerk und an einer unheimlichen Kuhle vorbei, über Wiesen, von denen Kraniche auffliegen, durch ein Wäldchen, bis das Gutshaus und die riesigen Stallungen sichtbar werden. Die letzte Besitzerin von Lipnicken war die Tochter von August Roth, vielleicht jenem Verwandten des sagenhaften Ostpreußischen Gutsbesitzers, vielleicht der Vater meiner Tante oder meines Vaters, vielleicht, vielleicht. Der Heimatforscher, den ich bei meinen Gastgebern traf, hat über dieses Gut geschrieben und an Hand seiner Zahlen und der Gebäude, die ich noch finde, kann ich mir ein Bild zusammensetzen. Von insgesamt zweihundert Hektar Besitzungen wurden auf 141 Hektar Ackerland Saatkartoffeln, Luzerne, Hafer und Roggen angebaut. Ein Teil der statistischen 0,5 Hektar Garten und Gewässer befindet sich auf dem Gelände der Stallungen in Form eines Tümpels, den ich mir im Sommer von Mücken umschwärmt vorstelle. Siebzehn Pferde, fünfunddreißig Kühe, zwanzig Rinder, und dreiundfünfzig Schweine wurden dort im Jahre 1939 gehalten. Die Arbeiter wohnten in den kleinen Häusern der Siedlung. Auf einem Gut hatte meine Großmutter als letztes gearbeitet. Den Namen dieses Gutes hatte ich, damals nicht um seine Bedeutung wissend, in dem Arbeitsbuch notiert, das ich nicht mit nach Polen genommen habe. Das Gut entsprach evtl. dem Namen des Ortes, an dem meine Großmutter erschossen und vielleicht begraben wurde. Ich frage im Ort eine Frau nach einem Friedhof und schon sitze ich in ihrem Auto, fährt sie mich den Feldweg entlang, den ich gekommen war, sucht im Gestrüpp und findet eine alte geschmiedete Umzäunung. Drei Grabstätten sind noch zu erkennen, die aussehen, als wurden hier vor langer Zeit die Gutsbesitzer begraben. Auf der Suche nach alten Leuten, die mir weiterhelfen könnten, stehe ich wieder in einem Vorraum, sitze ich wieder in einer Küche, die gemütlicher ist, als das verwahrloste Treppenhaus eines Wohnblockes vermuten lässt und wieder treffe ich auf diese erinnerungslose Grauzone zwischen Kriegsende und Zuzug der jetzigen Bewohner in den fünfziger Jahren, eine Zwischenzeit ohne Erinnerung, ohne Gräber, und immer wieder läuft alles auf Akten hinaus, in denen man das festgehalten glaubt, was die Menschen nicht mehr wissen oder wissen wollen ... genauso vergessen wie die Sprache, die die alte Bewohnerin der Neubauwohnung einstmals sprach.
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