Samstag, 17. April 2004

10. Verhexter Ort

Ganz Ende dieses vom Winter gebeutelten Steges am See von Malszewo habe ich gesessen.
Malschöwen ist ein Dorf, das sich malerisch an einem See entlang zieht, mit unterschiedlich alten Häusern, deren Baumaterial für die jeweilige Epoche steht: Holz, Stein, Gasbeton. Die Landsitze wohlhabender Warschauer reihen sich aneinander, von vielen Grundstücken führt ein eigener Steg in den See. Die Aufschrift Segelclub an einem Backsteinhaus will mir gar nicht in das verschlafene Örtchen passen. Das Wasser wellt und glitzert, Fische springen, ich bekomme Lust zu angeln. Der fast im Wasser liegende abenteuerlich verbogene Steg gehört zu einem verwahrlosten alten Haus. Wären es nicht tausend Kilometer zwischen diesem Ort und der Stadt, in der ich lebe, hätte ich versucht, den Besitzer ausfindig zu machen, gewohnheitsmäßig auf der Suche nach einem stillen Ort für das Wochenende, eine kitschige und lebensnotwendige Sehnsucht nach ursprünglichem Leben. Zum Handausstrecken nah schnappen sich junge Rotaugen ihre Mahlzeit von der Wasseroberfläche. Ab und zu blinkt ein großer Fisch silbern auf.
Hier wohnte die Hexe Kaukau mit ihren tausend Vögeln - und meine Großmutter - im Dorf Malszewo (Malschöwen)
Das Haus wurde mit einem Vorhängeschloss verriegelt, die Stube sieht durch das schmutzige Fenster hindurch aus, als sei dort mit dem Tod des Bewohners vor langer Zeit alles stehen geblieben und erinnert mich an ein zum Verkauf stehendes Haus, das ich einmal betrat, und in dem etliche Jahre nach dem Tod einer alten Frau das Federbett noch aufgeschlagen lag, die Hausschuhe vor dem Bett standen und die Bibel auf der Anrichte von Staub und Spinnweben überzogen war. Ich schiebe das Rad einen Sandweg hinauf, rufe mit dem Handy, dessen Akku schon Warntöne von sich gibt, bei meiner Gastgeberin an, damit sie weiß, wann ich zum Mittag erscheine. Nach ein paar Metern springt die Fahrradkette vom Kranz. Ich ziehe sie wieder auf und beschmiere meine Hände dabei. Die Kette spuckt und zuckt, springt wieder ab. Dorfleute kommen vorbei. Doch auch hier scheint die Emanzipation in dem Sinne eingezogen zu sein, dass sich kein Mann befleißigt fühlt, einer jungen Frau Hilfe anzubieten. Als die Kette zum fünften Mal abspringt, hockt sich ein junges Mädchen zu mir und beschmutzt ihre Finger. Daraufhin, zumindest so lange ich in ihrem Blickfeld bin, kann sie sich in dem Gefühl wägen, einem hilflosen Menschen tatkräftig geholfen zu haben. Nach der nächsten Biegung springt die Kette wieder ab, diesmal hat mein analytischer Geist jedoch die Erklärung gefunden: Die Kette ist mindestens ein Kettenglied zu lang, was sie auf der Hinfahrt noch nicht war. Manchmal fahre ich zweihundert Meter in der vagen Hoffnung, ohne weitere Unterbrechung nach Hause zu kommen, wo die Kartoffeln zerkochen und sich meine Gastgeber sorgen und mein Plan, mit dem Fahrrad allein eine weitere Strecke zu fahren, dahinschmilzt. Als das Ortseingangsschild von Jedwabno in Sicht kommt, bleibt die Kette wo sie hingehört und erspart mir weitere befremdete Blicke.
Eben sah ich noch Fische im See von Malszewo springen und hier liegen nun schon welche fürs Mittagessen.
Mit Geschirrspülmittel, Bürste und einigen lustigen Bemerkungen kommt die ursprüngliche Farbe meiner Hände wieder zu Tage. Barbara tafelt auf wie zu einem Fest. Es gibt Fisch. So überschwänglich bekocht zu werden wie bei Muttern führt vorübergehend zum Verlust des Erwachsenseins und zur Rückkehr in einem wonnevoll verantwortungslosen Urzustand. Und da ich auf diese herzliche Weise, begünstigt durch meine kindlichen Satzfragmente, schon im Kleinkindstadium angekommen bin, fiele die Verwandlung in ein Kälbchen auch nicht weiter auf.

Ich durfte endlich am Euter einer der beiden Kühe Hand anlegen. Die alte, geduldige Kuh hatte man für mich aus dem Stall geführt und am Zaun festgebunden, damit ich mich nicht in den Stall begeben musste.
Ich brauchte nicht lange, um die weiche Zitze wie eine handliche Klaviatur zu bedienen. Ryszard aber musste seine Ungeduld zügeln. Er hockte neben mir und versuchte einige Male durch zittriges Ausatmen einen Impuls zum Übernehmen seiner Arbeit zu geben. Ich war stolz über jeden Millimeter, mit dem sich die Oberfläche der Milch im Eimer hob, während die zweite Kuh im Stall brüllte und Nachbarn kamen, um ihre Kännchen abzuholen. Erst als Ryszard anpackte, verstand ich, wie es möglich war, in zehn Minuten mehr als einen dreiviertel Eimer zu füllen, denn unter seinen Händen spritzte nicht nur ein gezielter Strahl, sondern ergossen sich weiße Sturzbäche in Richtung Eimer. Die euterwarme Milch seihte Barbara durch einen Windelstoff und füllte mir eine Tasse ab.
Vielleicht gebe ich in meiner jägergrünen Hose, die ich zum Melken angezogen habe, ein besseres Bild ab – im Nu erfüllt sich ein unausgesprochener Wunsch, sitze ich in dem robusten Fiat, mit dem der Förster mit siebzig km/h durch den Wald jagt, den er natürlich in- und auswendig kennt. Ich heble meine Füße unter etwas Festes im Fußraum und drücke mich in den Sitz, um bei größeren Unebenheiten nicht mit dem Kopf gegen die Decke zu stoßen. Wir lassen das Auto stehen und überqueren einen Fluss, der an seinen Seiten in ein Moor übergeht. Biber haben an den Brückenpfeilern einen Damm errichtet. Ryszard erzählt über Waldtiere, die Gepflogenheiten der Schwarzstörche und ich frage ihn über Wölfe aus. Zwanzig Wölfe wurden im Gebiet seiner Oberförsterei gezählt, zumeist an Hand von Spuren im Schnee, denn die Wölfe seien scheu, für Menschen im Prinzip ungefährlich, sogar nützlich, weil sie das kranke Wild auslesen. Neben unserem Hochstand befindet sich ein Wolfshügel genannter Aussichtspunkt, von dem aus Wölfe das Wild beobachten. Auf der riesigen, von schnurgeraden Entwässerungsgräben durchkreuzten Wiese entdeckt der Förster mit geübtem Auge eine Hirschfamilie und zwei Kranichpaare. Aus heiterem Himmel beginnt ein Kranich markerschütternd zu zetern, die Schreie hallen wie in einem Tal. Das zweite Kranichpaar pickt im Gras, während die Hirsche neben ihnen friedlich äsen. Ich stelle ungeübt an meinem Fernglas herum und Ryszard erklärt mir, woran er selbst bei großer Entfernung das Alter der Tiere abschätzen kann. Nach und nach füllt sich die Wiese in aller Stille mit weiteren Familien und bis zur Dunkelheit sind fast vierzig Tiere zu sehen.
Zwei junge Leute mit Ferngläsern gehen an uns vorbei, auch sie sind mit dem Auto in den Wald gefahren, was ihnen natürlich nicht erlaubt ist, aber der Junge ist der Sohn eines Freundes und das Mädchen stammt aus der Nachbarschaft. Und so wird das Ganze mit einer freundlichen Ermahnung und der Frage, ob sie wissen, wie sie zurückkommen, abgetan. Von der Hauptstraße aus biegt Ryszard noch einmal in einen Waldweg ein, schaltet die Scheinwerfer aus, lässt das Auto ausrollen. Es ist schummerig geworden und ich halte harmlose Büsche für Bären und bin froh, einen Jäger an meiner Seite zu haben, der mich aus dem Bauch eines bösen Tieres retten würde. Überall knistert es im Wald, ein Rehbock bellt, die Wildschweine haben ihren Futterplatz aber schon verlassen. Ich stecke das Fernglas zurück und schließe die Jacke darüber so wie es der Förster tut.
Im Wald bei Jedwabno: Ein Fluss in seinem natürlichen Verlauf, an seinen Rändern in Moor übergehend.
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