Endlich zu Grabe tragen
Den heiklen Punkt von 80 Seiten hatte ich schon letzten Sommer erreicht, das ist der Punkt, der die Gefahr des Scheiterns oder Abbrechens zu bannen scheint. Dann sind aber wieder viele Monate ins Land gegangen, in denen ich die Datei mit Mühe und Not ein paar Mal öffnete und mich zwangsläufig darauf einlassen musste, um für eine Stipendienbewerbung eine Auswahl zu treffen, was in so einem rohen Zustand nicht ohne Zweifel abgeht. Dann ist einfach nur wieder das Leben dazwischen gekommen, administrative Sachen, andere Projekte, Aufträge, Familie, Gesundheit, schließlich lag der Roman soweit verschüttet, dass ich mich kaum noch aufraffen konnte und mir auch der ursprünglich so starke Antrieb abhanden gekommen war. Nicht mal die Aufmunterungsversuche einiger Menschen, die mir nah stehen und denen ich glaube, dass sie sehr gespannt auf das neue Buch sind und die Geschichte mit echtem Interesse lesen würden, brachte mir wirklichen Antrieb. Schließlich half das Vorbild von Autoren, die als Vielschreiber bekannt sind und denen es offensichtlich gelang, sich zu disziplinieren, die feste Strukturen und Arbeitszeiten besaßen, denen sich nicht nur sie selbst, sondern auch alle Angehörigen unterzuordnen hatten. Ganz so radikal gelingt mir das nicht. Ich frage mich, ob es für weibliche Autoren/Künstler allgemein etwas schwerer ist, ihren schöpferischen Egoismus auszuleben. Der Kompromiss besteht darin, doch alles unter einen Hut zu bekommen und die verbleibende Zeit zu nutzen, sich von der Inspiration etwas unabhängiger zu machen und zu schreiben, einfach zu schreiben. So nähere ich mich mit dem Schneckentempo von einer Seite pro Tag stetig dem Ende der Geschichte. Ich weiß jetzt schon, dass ich als das Resultat vieler Jahre (die ersten Aufzeichnungen sind von 2003) wieder nur einen schmalen Band davon tragen werde, der die Bezeichnung Roman jedenfalls nicht allein aufgrund der Seitenzahl verdienen kann. Langsam langsam trage ich nun meine Großmutter zu Grabe, eine Figur, die ich aus mir heraus geschaffen habe und mit der ich latent oder zeitweise sehr intensiv gelebt habe. Einmal hat ein Kritiker mehr oder weniger vorwurfsvoll geschrieben, ich bewegte mich in einer Parallelwelt - ich sehe darin keinen Grund zum Vorwurf. Aber es wird gut tun, dieses Projekt zu Ende zu führen und meine Großmutter, wenn ich schon kein Grab finde, in mir zur Ruhe kommen zu lassen.
Rubrik: Allgemeines Arbeitstagebuch
Rubrik: Allgemeines Arbeitstagebuch
AnKaLe - 14:12
176mal gelesen

