„Man sollte einmal mitstenographieren, was die Leute so reden“ forderte Tucholsky einmal. Das gleiche haben sich vielleicht die Wörterbuchmacher von PONS gedacht und ein Wörterbuch der Jugendsprache herausgegeben. Entstanden ist dieses unorthodoxe Nachschlagewerk zum ersten Mal 2001, als im Rahmen eines Schülerwettbewerbes kistenweise Vorschläge in der Redaktion eintrafen. Was im Augenblick in ist, nein, up to date, nein, voll de luxe, das wird hier einmal festgehalten, so schnelllebig es auch ist. Man weiß es ja selbst, dass jede Generation seine eigene Sprachwelt erschafft, sein Territorium markiert, seine Grenzen zieht vor allen den Erwachsenen gegenüber und allem anderen, was uncool ist. Wobei das Wort uncool schon wieder d-markig ist, also out, oder vollpanne, wie das jetzt heißt. Die Penne von einst nennt sich jetzt Bildungsschuppen und irgendwie beschreibt das Wort auf eine mehr als treffende Weise den Zustand manch öffentlicher Schulen. Auf dem Schulhof stehen Rauchmelder, wie die Lehrer in der Pausenaufsicht heißen, und Waldapotheker ist mehr als eine Schönfärberei für den Drogendealer, der auch nicht weit ist. Überhaupt steckt eine ganze Menge an aktuellen Tendenzen in der Jugendsprache, so als seien Jugendliche Indikatoren und Vorantreiber gesellschaftlicher Bewegungen. Wenn zum Beispiel ein Landwirt als Ackerdesigner bezeichnet wird, dann trägt dies schon dem Umstand Rechung, wie sehr sich das Bild der Agrarwirtschaft gewandelt hat. Da zieht kein Gaul mehr den Pflug übers Feld, sondern die Felder liegen schön subventioniert und oftmals brach da und es fehlt nicht mehr viel, bis man sich den Bauern von einst am Computer seine Arbeit entwerfen und steuern sieht. Die Berufsbezeichnung Parkbankphilosoph ist für einen Obdachlosen in einer sonst eher pejorativen Sprache überaus politisch korrekt. Auch von Rentnern ist nicht mehr die Rede, sondern es kann schon mal passieren, dass eine Seniorenbarbie vorbeikommt. Sehr plastisch kann man sich darunter jene ältere Dame vorstellen, die ihrem realen Alter mit allen Mitteln der Mode und des Faltenbüglers zu entfliehen versucht. Überhaupt sagt die Jugendsprache viel über soziale Befindlichkeiten: Die Nullbock-Generation wurde der Erzeugerfraktion überlassen, nun gibt es den Klugscheißermodus und das Rolexen, das Angeben, den MOF, den Mensch ohne Freunde, den Partyparasiten, das Freibiergesicht und Paare, die eine Pattexbeziehung führen.
Neben einer langen Reihe von Begrifflichkeiten für entjungfern, Sexualorgane und Sex machen wie [piep] und [piep] findet die Jugendsprache bei aller Suche nach größtmöglicher Coolness manch originelle, fast zärtlich treffende Beschreibung, die unserem Wortschatz gerade noch gefehlt hat. Ist Ihnen nicht auch schon mal aufgefallen, dass in den heiligen Hallen viel gemurmelt wird? Wenn man das Gloriose einmal ins Gegenteil verkehrt, wie es eine trotzige Jugend immer tut- ist dann das Wort Murmelschuppen für Kirche nicht mehr als verständlich?
Der uniformierte Bewegungsmelder alias Verkehrspolizist scheint als Wortschöpfung etwas bemüht. Wohingegen manch Checkerbraut beweist, dass unter Jugendlichen nicht unbedingt Intelligenzallergiker zu finden sind und dass schon ab und zu das Laufwerk eingeschaltet wird anstelle einer Gehirnprothese, wie man übrigens den Taschenrechner nennt.
Die Sprache unserer Jugendlichen ist voller Kreativität, Lebendigkeit und metaphorischer Direktheit. Sie reizt zum Stirnrunzeln und Tabus weglachen, manchmal mit einer Träne im Auge, denn wie früh setzt das Ende der Kindheit ein, wenn Radierer die Pille danach bedeutet, die Eltern gerade so als Kohlenbeschaffer taugen oder man schon auf nüchternen Magen einen Joint raucht, was dann Ghettofrühstück heißt.
Vielleicht sollte man den Ratschlag Tucholskys befolgen und der Jugend einmal auf den Mund schauen. Wenn Sie dann noch ein Wörterbuch benötigen, hier noch einmal zum mitmeißeln:
PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2006, Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart, für zwei Euro im Buchhandel. Das ist krönungsbedürftig.
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Kolumne