I don't like Facebook
Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie viele Daten Sekunde für Sekunde auf Facebook verbreitet werden und warum das amerikanische Unternehmen 900 Millionen Nutzern weltweit unbegrenzten Speicherplatz für alle Fotos, Postings und Nachrichten und eine Möglichkeit zum life-chat zur Verfügung stellt und das gratis?
Das muss daran liegen, dass Facebook ein soziales Unternehmen ist und darauf setzt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Dass er also gern zeigt, was er hat und wie großartig er ist und dieses gern mittels Tauschhandel bestätigt bekommt. Klickst du gefällt mir, klicke ich gefällt mir bei dir. Uns ist schon klar, dass wir Pseudonachrichten erzeugen, ohne die die Welt vorher eigentlich ganz gut klar gekommen war und dass der Kontakt zu unseren Freunden ein sehr vermittelter und zunehmend selektiver Kontakt ist, bei dem wir nach irgendeinem Rankingverfahren nur die eine oder andere Meldung angezeigt bekommen. Und dass die 438 Freunde eigentlich auch eher flüchtige Bekannte sind, von drei, vier Ausnahmen abgesehen. Und dass wir, je mehr Zeit wir auf Facebook verbringen, umso weniger Zeit haben, unsere echten Freunde zu treffen oder anzurufen oder ihnen wenigstens eine Mail zu schreiben. Irgendwie können wir uns dazu immer schwerer aufraffen. Denn auf Facebook ist alles so schön bequem. Wir brauchen nicht mal mehr das Mailprogramm zu öffnen und uns einzuloggen oder mühsam Fotos anzuhängen. Auf Facebook können alle, die es interessiert (oder auch nicht) kucken, was man freiwillig von sich preisgibt für eine nebulöse Menge da draußen. Freiwillige Preisgabe von Privatem, Selbststilisierung, Pflege von Narzissmus, zunehmende Vereinzelung und Pseudokommunikation – diese Nebenwirkungen waren uns schon bewusst, als wir den Account bei Facebook eröffneten.
Und wir haben es trotzdem getan. Vielleicht, weil wir nicht ausgeschlossen bleiben wollten von dieser glitzernden Parallelwelt, vielleicht weil uns die Einladungen zu Facebook, die der Einladende vielleicht gar nicht selbst ausgelöst hat, irgendwann überzeugten, so wie in unserem Namen vielleicht ohne es zu ahnen Einladungsmails von Facebook verschickt wurden. Warum geben sich die Facebook-Betreiber so viel Mühe für uns und stellen eine neue Timeline zur Verfügung und ständig Neuerungen, bei denen wir aufpassen müssen, dass unsere Einträge nicht plötzlich über Google zu finden sind?
Es wird schon nicht so schlimm sein, haben wir uns gedacht, es machen ja so viele mit, wenn das nicht koscher wäre, würden schon ein paar Leute auf die Barrikaden gehen. Wann eigentlich Facebook die Idee hatte, an die Börse zu gehen, das wäre interessant. Ist schon klar, dass sich das Unternehmen über Werbung finanziert. Werbung auf Facebook ist sehr günstig, bei einem Euro pro Tag geht es los. So billig kann man sonst nirgends seine Zielgruppe erreichen. Und so gezielt, denn wir helfen mit unseren freiwilligen Selbstangaben und unseren „Gefällt-mir“ Klicks dabei, ein einwandfreies Kundenprofil zu erstellen. Da kann ein Werber also angeben, wie alt diejenigen sein sollen, für die die Anzeige geschaltet wird, ob sie verheiratet oder Single sind, was sie für einen Schulabschluss haben, wo sie wohnen, was sie für Interessen haben. Denkbar wäre auch, eines Tages Nachrichten und Fotos auszuwerten. Vielleicht werden Facebook-Nutzern dann gezielt Werbung für Aknemittel, Hundefutter oder Diäten angeboten.
Ich bin seit 2010 dabei. Ich war nie ein Trendsetter, weil ich meine natürliche Neugier den Medien gegenüber, die in unserer Gesellschaft entstehen und sie mitformen, immer mit einer natürlichen Skepsis kollidierten. Schon nach einem Jahr überlegte ich, ob ich mir zum Geburtstag schenke, bei Facebook auszusteigen. Ich habe es nicht gemacht, sondern noch ein paar Kontakte mehr bestätigt. Jetzt ist der zweite online-Geburtstag vorbei und wahrscheinlich würde ich es wieder nicht geschafft haben, gäbe es nicht diese Verwandlung unserer Einträge in börsentaugliche Daten mit einem Marktwert von geschätzten 100 Milliarden Dollar. Meine Daten sind dabei nur der Hauch eines Tropfens auf einem heißen Stein. Aber selbst mit diesem Hauch muss ich nicht dabei sein. Letzte Nacht habe ich alle Fotos, Einträge und Privatnachrichten aus zwei Jahren gelöscht. Per Hand. Das hat eine ganze Weile gedauert, weil aus den Falten der Timeline immer wieder Postings auftauchten. Hat diesen ganzen Internetschrott, den ich im Moment originell fand, überhaupt jemand gelesen? Und dort, wo es Klicks und Kommentare gab, hätte ich da nicht lieber in einem Café gesessen und Aug in Auge mit einen Bekannten diskutiert anstelle dieses Hahaha-Gefällt-mir Geschwafels?
Liebes Facebook, vielen Dank für die nette Zeit, aber ich reiche die Scheidung ein. Mir reicht es. Ich bin jetzt wieder auf normalem Wege zu erreichen, über Mail und Telefon. Ich informiere noch meine Freunde darüber und dann lösche ich mein privates Konto ganz.
Aber ich bin nicht etwa von der Internetsucht geheilt. Am Anfang ist ein neu entdecktes Medium immer so aufregend kribbelnd, dass man ständig wieder darauf schaut anstelle zu Arbeiten. Ich bin jetzt bei twitter. Lol
Rubrik: Randglossen
Das muss daran liegen, dass Facebook ein soziales Unternehmen ist und darauf setzt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Dass er also gern zeigt, was er hat und wie großartig er ist und dieses gern mittels Tauschhandel bestätigt bekommt. Klickst du gefällt mir, klicke ich gefällt mir bei dir. Uns ist schon klar, dass wir Pseudonachrichten erzeugen, ohne die die Welt vorher eigentlich ganz gut klar gekommen war und dass der Kontakt zu unseren Freunden ein sehr vermittelter und zunehmend selektiver Kontakt ist, bei dem wir nach irgendeinem Rankingverfahren nur die eine oder andere Meldung angezeigt bekommen. Und dass die 438 Freunde eigentlich auch eher flüchtige Bekannte sind, von drei, vier Ausnahmen abgesehen. Und dass wir, je mehr Zeit wir auf Facebook verbringen, umso weniger Zeit haben, unsere echten Freunde zu treffen oder anzurufen oder ihnen wenigstens eine Mail zu schreiben. Irgendwie können wir uns dazu immer schwerer aufraffen. Denn auf Facebook ist alles so schön bequem. Wir brauchen nicht mal mehr das Mailprogramm zu öffnen und uns einzuloggen oder mühsam Fotos anzuhängen. Auf Facebook können alle, die es interessiert (oder auch nicht) kucken, was man freiwillig von sich preisgibt für eine nebulöse Menge da draußen. Freiwillige Preisgabe von Privatem, Selbststilisierung, Pflege von Narzissmus, zunehmende Vereinzelung und Pseudokommunikation – diese Nebenwirkungen waren uns schon bewusst, als wir den Account bei Facebook eröffneten.
Und wir haben es trotzdem getan. Vielleicht, weil wir nicht ausgeschlossen bleiben wollten von dieser glitzernden Parallelwelt, vielleicht weil uns die Einladungen zu Facebook, die der Einladende vielleicht gar nicht selbst ausgelöst hat, irgendwann überzeugten, so wie in unserem Namen vielleicht ohne es zu ahnen Einladungsmails von Facebook verschickt wurden. Warum geben sich die Facebook-Betreiber so viel Mühe für uns und stellen eine neue Timeline zur Verfügung und ständig Neuerungen, bei denen wir aufpassen müssen, dass unsere Einträge nicht plötzlich über Google zu finden sind?
Es wird schon nicht so schlimm sein, haben wir uns gedacht, es machen ja so viele mit, wenn das nicht koscher wäre, würden schon ein paar Leute auf die Barrikaden gehen. Wann eigentlich Facebook die Idee hatte, an die Börse zu gehen, das wäre interessant. Ist schon klar, dass sich das Unternehmen über Werbung finanziert. Werbung auf Facebook ist sehr günstig, bei einem Euro pro Tag geht es los. So billig kann man sonst nirgends seine Zielgruppe erreichen. Und so gezielt, denn wir helfen mit unseren freiwilligen Selbstangaben und unseren „Gefällt-mir“ Klicks dabei, ein einwandfreies Kundenprofil zu erstellen. Da kann ein Werber also angeben, wie alt diejenigen sein sollen, für die die Anzeige geschaltet wird, ob sie verheiratet oder Single sind, was sie für einen Schulabschluss haben, wo sie wohnen, was sie für Interessen haben. Denkbar wäre auch, eines Tages Nachrichten und Fotos auszuwerten. Vielleicht werden Facebook-Nutzern dann gezielt Werbung für Aknemittel, Hundefutter oder Diäten angeboten.
Ich bin seit 2010 dabei. Ich war nie ein Trendsetter, weil ich meine natürliche Neugier den Medien gegenüber, die in unserer Gesellschaft entstehen und sie mitformen, immer mit einer natürlichen Skepsis kollidierten. Schon nach einem Jahr überlegte ich, ob ich mir zum Geburtstag schenke, bei Facebook auszusteigen. Ich habe es nicht gemacht, sondern noch ein paar Kontakte mehr bestätigt. Jetzt ist der zweite online-Geburtstag vorbei und wahrscheinlich würde ich es wieder nicht geschafft haben, gäbe es nicht diese Verwandlung unserer Einträge in börsentaugliche Daten mit einem Marktwert von geschätzten 100 Milliarden Dollar. Meine Daten sind dabei nur der Hauch eines Tropfens auf einem heißen Stein. Aber selbst mit diesem Hauch muss ich nicht dabei sein. Letzte Nacht habe ich alle Fotos, Einträge und Privatnachrichten aus zwei Jahren gelöscht. Per Hand. Das hat eine ganze Weile gedauert, weil aus den Falten der Timeline immer wieder Postings auftauchten. Hat diesen ganzen Internetschrott, den ich im Moment originell fand, überhaupt jemand gelesen? Und dort, wo es Klicks und Kommentare gab, hätte ich da nicht lieber in einem Café gesessen und Aug in Auge mit einen Bekannten diskutiert anstelle dieses Hahaha-Gefällt-mir Geschwafels?
Liebes Facebook, vielen Dank für die nette Zeit, aber ich reiche die Scheidung ein. Mir reicht es. Ich bin jetzt wieder auf normalem Wege zu erreichen, über Mail und Telefon. Ich informiere noch meine Freunde darüber und dann lösche ich mein privates Konto ganz.
Aber ich bin nicht etwa von der Internetsucht geheilt. Am Anfang ist ein neu entdecktes Medium immer so aufregend kribbelnd, dass man ständig wieder darauf schaut anstelle zu Arbeiten. Ich bin jetzt bei twitter. Lol
Rubrik: Randglossen
AnKaLe - 2012.05.16, 17:14




